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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Der frühkindliche Autismus

Der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung (ICD-10, Kapitel F 84.0), „die durch eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung definiert ist und sich vor dem dritten Lebensjahr manifestiert“.

Die Kernsymptome des autistischen Syndroms sind:

  • Störungen in der sozialen Interaktion,
  • gestörte Kommunikationsfähigkeit,
  • eingeschränktes, repetitives Verhalten.

Beeinträchtigungen in diesen Bereichen sind spätestens zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr klar zu diagnostizieren. Die Bandbreite der Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten ist dabei außerordentlich groß. Die Diagnose besteht nicht auf technischen Untersuchungen wie Blutanalysen, Röntgenbildern usw., sondern auf einer genauen Erhebung der Entwicklungsgeschichte des Kindes und auf einer sorgfältigen, standardisierten Beobachtung des aktuellen Verhaltens.

Die Kinder reagieren nicht oder unangemessen auf soziale und emotionale Signale anderer Menschen. Sich auf Ansprache zuzuwenden und Blickkontakt aufzubauen und zu halten, fällt ihnen schwer. Mitunter wirken die Kinder wie taub und in ihre Welt versunken, können sich aber zu anderen Zeiten auch hyperaktiv verhalten.

Die Störungen in den sprachlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten behindern die soziale Kommunikation und Interaktion erheblich. Aktive Sprache wird nicht erlernt oder nicht angemessen eingesetzt. Defizite in der Körpersprache und der Sprachmelodie erschweren die kommunikative und emotionale Interaktion zusätzlich.

Hinzu kommt eine mangelnde Fähigkeit zum sozial imitierenden Spiel (Rollenspiel, „so tun als ob...“). Auch Lernen durch Nachahmen ist weitgehend unmöglich.

„Die Störung ist außerdem charakterisiert durch eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten.“ Dieses zeigt sich sowohl in vertrauten wie neuen Beschäftigungen, in Spielmustern und in der starren, routinierten Ausführung von alltäglichen Aufgaben. Häufig bestehen motorische Stereotypien und immer wiederkehrende Beschäftigungen mit verschiedenen Materialien, Riechen und Lecken an Objekten und übermäßige Bindung an Gegenstände. Veränderungen von Handlungsroutinen oder Details in der persönlichen Umgebung (z.B. Umstellen von Dekoration oder Möbeln) können ausgeprägte Widerstände auslösen.

„Neben diesen spezifischen, diagnostischen Merkmalen zeigen Kinder mit Autismus oft auch eine Reihe anderer, unspezifischer Probleme, Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und Aggressionen“. Eine große Stimmungslabilität sowie ausgeprägte Zwänge können auftreten, ohne dass Gründe hierfür für Außenstehende sichtbar wären.

Das Zusammentreffen der erheblichen Einschränkungen in den Kernbereichen führt beim Kanner-Syndrom insgesamt zu einer ernsthaften, allgemeinen Entwicklungsverzögerung.

Für die Diagnose „frühkindlicher Autismus“ ist zu fordern, dass Entwicklungsauffälligkeiten in den ersten drei Lebensjahren erkennbar sind, bei späterer Diagnosestellung lässt sich der Beginn der Symptome im Nachhinein in diese Zeit datieren.

Wenn die Behinderungen im kommunikativen Bereich nicht sehr ausgeprägt sind und die Betroffenen in vielen Bereichen des täglichen Lebens nur wenig Unterstützung benötigen, spricht man abweichend von „high-functioning-Autismus“.